Physician Assistants an der Westküste: Vertikale und horizontale Integration in die ambulante und hausärztliche Versorgung.

Der ärztliche Nachwuchs fordert seit langem eine allgemeine Entlastung, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und mehr Möglichkeiten von Teilzeitbeschäftigung. Gleichzeitig nimmt die Komplexität der Patientenversorgung auf Grund der medizinischen, medizinisch-technischen und demografischen Entwicklung immer mehr zu. Als besonders qualifizierte Fachkräfte können Physician Assistants (PA) zur Entlastung beitragen. 

Das Berufsbild Physician Assistant (PA) stellt eine attraktive akademische Weiterentwicklungsperspektive für Gesundheitsfachberufe gerade in strukturschwachen Regionen dar. Aus diesem Grund wurde im August 2019 ein Kooperationsvertrag zwischen der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera und dem Westküstenklinikum Heide geschlossen, um an der Westküste als Studienzentrum den Bachelorstudiengang „Physician Assistance“ ab Oktober 2020 durchzuführen. 

Sektorenübergreifender Einsatz

Gerade im ambulanten Bereich sind innovative Versorgungsmodelle notwendig, um zielgerichtet und interprofessionell insbesondere die hausärztliche Versorgung zu sichern. Eine Vernetzung der bestehenden Sektoren ist eine weitere Aufgabe, um Synergieeffekte zu heben. Mit dem Berufsbild des Physician Assistant, eingebunden in einer Teamstruktur, ist ein Ansatz zur Weiterentwicklung der Versorgungsrealität insbesondere im ländlichen Raum gegeben. 

Als akademisierter hochqualifizierter Gesundheitsberuf kann der Physician Assistant gerade an der Schnittstelle stationär-ambulant eingesetzt werden. Bisher liegen die Ausbildungskernkompetenzen überwiegend im stationären Bereich, wo bislang auch der Haupteinsatzort besteht. Durch Betonung von Kompetenzen, die im ambulanten Bereich benötigt werden, kann der Physician Assistant gerade im hausärztlichen Bereich zu einer Entlastung beitragen. 

Ein Vertiefungsangebot, welches spezifisch für die Tätigkeit im ambulanten, insbesondere hausärztlichen Bereich sowie auf eine sektorenübergreifende Tätigkeit qualifiziert, existiert in den bisher akkreditierten Studiengängen nicht. In dem von der SRH Hochschule für Gesundheit akkreditierten PA-Studiengang bereiten z.B. neben einem telemedizinischen Modul weitere Wahlpflichtmodule gezielt auf den hausärztlichen Bereich vor. 

Besonderes Augenmerk richten wir auf den praktischen Einsatz von PA, welche bislang eher im stationären Bereich gesehen wurden, im ambulanten Bereich, um einen sektorenübergreifenden Ansatz von Beginn des Studiums zu vermitteln und die vertikale und horizontale Integration des neuen Berufsbildes in die bestehende Versorgungslandschaft zu realisieren. Hierzu wird ein von einem Expertenteam bereits entwickeltes Modellcurriculum zur fachlichen Vertiefung in der ambulanten hausärztlichen Versorgung in die Studienmodule integriert. Neben der inhaltlichen Mitgestaltung des Studiengangs durch das Studienzentrum in Heide über die Projektlaufzeit wird darüber hinaus auch der rechtliche Rahmen im Hinblick auf delegationsfähige Leistungen überprüft.

PA an der Schnittstelle 

Unter Einbezug telemedizinischer Verfahren ist eine qualifizierte Betreuung von ambulanten Patienten durch den Physician Assistant unter Supervision eines Hausarztes durchführbar. Auf wissenschaftlicher Grundlage soll die Anwendung des erworbenen Wissens in den Umgang mit Patientinnen und Patienten im ambulanten, insbesondere hausärztlichen Bereich vermittelt werden, um die hohen Ansprüche und der Patientensicherheit zu genügen. 

Dazu bedarf es einer inhaltlichen Verzahnung moderner Lehr- und Lernformate, um Studierenden die in der unmittelbaren ambulanten Patientenversorgung notwendigen Kompetenzen effektiv beizubringen.  Dieser nachhaltige Wissenserwerb wird durch eine enge Verknüpfung von theoretischen Grundlagen mit praktischer Anwendung und durch digitale Lehre gefördert, um durch Integration von Physician Assistants in fachübergreifende Versorgungsmodelle drohende Versorgungsdefizite zu beseitigen und das Versorgungsniveau perspektivisch zu verbessern. Die Nutzung digitaler Arbeitsplätze samt telemedizinischer Anwendungen,  Einrichtung virtueller Unterrichtsräume, Ausstattung der Lehrenden und Lernenden mit Hard- und Software, Digitalisierung der Inhalte und effiziente Prozessgestaltung ermöglicht die Aneignung transversaler, interprofessioneller und interkultureller Handlungskompetenzen sowie Querschnittskompetenzen, die für die Bewältigung der Aufgaben von Physician Assistants in der ambulanten hausärztlichen Versorgung im interdisziplinären Team notwendig und modellhaft auf andere Versorgungsregionen übertragbar sind.

Relevanz

Relevanz für die Regelversorgung 

Mit der Festlegung inhaltlicher und strukturellen Vorgaben für PA Studiengänge durch die BÄK / KBV ist diese akademische Qualifikation als besonders geeigneter Rahmen für ein adäquates, ärztlich verantwortetes, sektorenübergreifendes Delegationsmodell anzusehen. Durch Erwerb der von einer Expertengruppe erarbeiteten und publizierten Inhalte der acht Module „Ambulante hausärztliche Versorgung“ erwerben Studierende die Kompetenzen, welche akademisierte Fachkräfte im ambulanten Sektor und insbesondere in der hausärztlichen Versorgung mitbringen müssen. Durch das so ausgestaltete Studium könnten auch die zunehmenden Bedarfe nach Akademisierung der Berufsgruppe der MFA entsprochen werden. Der Verband Medizinischer Fachberufe (VmF) e.V. sieht im Berufsbild PA die akademische Weiterbildungsmöglichkeit und berufliche Entwicklungsperspektive für seine Mitglieder. Auch BÄK und KBV postulieren in ihrem gemeinsamen Papier, dass das von ihnen vorgestellte PA Konzept für Gesundheitsfachberufe und hier insbesondere für MFA eine Perspektive für die Berufsentwicklung und die Anschlussfähigkeit an den Hochschulbereich in Form eines Weiterbildungsstudiums darstellt. Der Wissenschaftsrat wies bereits im Jahre 2012 darauf hin, dass in Gesundheitsfachberufen eine Akademisierungsquote von 10-20 % anzustreben ist, um den veränderten Herausforderungen in der direkten Patientenversorgung gerecht zu werden. 

Im Vergleich zu nichtakademischen Fortbildungsprogrammen verfügen Absolventen des PA Studiengangs über eine deutlich umfangreichere Qualifizierung, welche sie sowohl in der theoretischen als auch praktischen Ausbildung erwerben und sie sind daher in der Lage, komplexere Sachverhalte zu erfassen, zu bewerten und zu bearbeiten. Dies erweitert die Delegationsmöglichkeiten und verbessert die Delegationssicherheit. Eine konkrete, bundeseinheitliche Beschreibung von Kompetenzen der PA für den ambulanten und insbesondere den hausärztlichen Bereich dient der Rechtssicherheit, dem Patientenschutz, sowie der Qualitätssicherung. Durch den Einbezug von Kostenträgern und Leistungserbringern im ambulanten Bereich in das Projekt soll zudem eine Sensibilisierung für eine notwendige Vergütung der durch den PA erbrachten ambulanten Leistungen erreicht werden, um nachhaltig entsprechende Vergütungsziffern im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) zu implementieren bzw. auf andere Weise diese Leistung finanziell entsprechend abzubilden.